Jyrki & Mariane

Die Europäische Kommission will Europa fit für das digitale Zeitalter machen und die Vorteile einer optimierten Datennutzung voll ausschöpfen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es unserer Meinung nach zunächst notwendig, Datensouveränität zum Designprinzip zu machen, eine weiche Infrastruktur zu entwickeln und sich auf die Marktakzeptanz zu konzentrieren.

Die von der Europäischen Kommission veröffentlichte neue Datenstrategie zielt darauf ab, der EU eine führende Rolle in einer datengetriebenen Gesellschaft zukommen zu lassen. Sie zielt darauf ab, einen Binnenmarkt für Daten zu schaffen, der den freien Datenfluss innerhalb der EU und sektorübergreifend zum Nutzen von Unternehmen, Forschungseinrichtungen und öffentlichen Verwaltungen ermöglicht.

Sitra und INNOPAY unterstützen dieses Ziel voll und ganz. Wir glauben jedoch, dass es nur dann erfolgreich erreicht werden kann, wenn die folgenden drei wesentlichen Punkte die Grundlage für die Umsetzung der Datenstrategie bilden:

1. DATENSOUVERÄNITÄT ALS DESIGNPRINZIP

Datensouveränität - die Selbstbestimmung von Einzelpersonen und Unternehmen über Daten - sollte ein grundlegendes Gestaltungsprinzip für die Umsetzung der Europäischen Datenstrategie sein. Einzelpersonen oder Organisationen sind selbstbestimmt, wenn sie die Kontrolle darüber haben, wer Zugang zu ihren Daten hat und unter welchen Bedingungen. Wir diskriminieren hier nicht zwischen personenbezogenen und nicht-personenbezogenen Daten. Schließlich werden die datengetriebenen Dienste von Organisationen letztlich hauptsächlich von Einzelpersonen konsumiert, und die Nutzung personenbezogener Daten verbessert die Qualität dieser Dienste.

Die Betonung der Datensouveränität spiegelt unsere europäischen Werte wider und unterscheidet das europäische Datenmodell von den beiden anderen heute vorherrschenden Modellen: das (“Winner-takes-all"-) Plattformmodell, welches auf Einzelpersonen als Marktakteure basiert, und das staatlich geführte Modell des Datenaustauschs. Tatsächlich ist die Datensouveränität bereits in der europäischen Gesetzgebung verankert; die DSGVO hat den Bürgern zwar das "Recht" auf Datensouveränität gegeben, aber noch nicht die Mittel, dieses Recht umzusetzen - es besteht also noch Handlungsbedarf.

Dies ist jedoch sowohl möglich als auch erstrebenswert, denn die Datensouveränität bietet Vorteile für alle Rollen im Datenaustausch-Ökosystem. Sie ermöglicht es Bürgern und Organisationen, Dritten, die in ihrem Namen Daten besitzen (z.B. Telekommunikationsunternehmen, Versorgungsunternehmen, Banken, Handelspartner usw.), zu gestatten, diese Daten für bestimmte Zwecke zu nutzen und/oder sie mit anderen autorisierten Drittparteien auszutauschen. Sie ermöglicht es Bürgern und Organisationen auch, ihre Einwilligung jederzeit zurückzuziehen.

2. „WEICHE“ INFRASTRUKTUR, DENN ES DREHT SICH ALLES UM DEN DATENZUGANG

Daten sind für die Schaffung neuer Geschäftsmodelle für datengetriebene Innovationen und Dienstleistungen unerlässlich. Allerdings steht dem Zugang zu ausreichenden Daten eine wachsende Unwilligkeit zur gemeinsamen Nutzung von Daten aufgrund von Datenschutz- und Sicherheitsbedenken einerseits und die Unfähigkeit zur gemeinsamen Nutzung von Daten aufgrund mangelnder Interoperabilität andererseits entgegen.

Um die gemeinsame Nutzung von Daten innerhalb von Sektoren und sektorübergreifend zu ermöglichen, ist eine unternehmensorientierte Betrachtung der Data Governance erforderlich. Gegenwärtig findet die Diskussion um Data Governance hauptsächlich innerhalb von Sektoren und in einzelnen Projekten statt und tendiert dazu, nur ein oder zwei verschiedene Aspekte wie Technologie, Gesetzgebung oder Geschäftsmodelle zu betonen. Es ist schwierig, einen gemeinsamen Governance-Rahmen zu schaffen, wenn es an gemeinsamen Konzepten und Semantiken mangelt. Um diese Lücke zu schließen, sollte die Europäische Kommission die Schaffung eines EU-Trust Frameworks für eine sektorübergreifende Data Governance in Betracht ziehen. Dieser sollte auf leicht verständlichen und umsetzbaren Richtlinien aufbauen, die alle relevanten Aspekte umfassen: geschäftliche, rechtliche, ethische und technische Aspekte.

Diese "weiche" Infrastruktur oder „afsprakenstelsel“ (so die niederländische Bezeichnung) wird in Zukunft als Grundlage für den kontrollierten Datenaustausch dienen, so wie die harte Infrastruktur (wie Wasserstraßen, Straßen, Eisenbahnen, Abwasserkanäle und das Stromnetz) über Jahrhunderte hinweg die Grundlage für Gesundheit, Wohlstand und Wirtschaftswachstum gewesen ist. Ein afsprakenstelsel könnte die Verwaltung der erforderlichen Einwilligungen erleichtern.

Wir glauben, dass die Europäische Kommission bestrebt sein sollte, wo immer möglich eine Regulierung pro Sektor ("Punktregulierung" oder Regulierung pro Anwendungsfall) zu vermeiden und sich stattdessen auf eine prinzipienbasierte Regulierung zu konzentrieren. Schließlich ist auch die Akzeptanz von Telekommunikation, Zahlungen und Internet nicht pro Sektor definiert.

Die schnellste und wirksamste regulatorische Intervention wäre unseres Erachtens, die Datensouveränität für Unternehmen und den öffentlichen Sektor im kommenden Jahrzehnt sowohl für personenbezogene Daten als auch für Unternehmensdaten verbindlich vorzuschreiben. Das lässt sich in wenigen Schritten erreichen, wenn das "Wie" (Interoperabilität, Vertrauen, Standards, Governance, gleiche Wettbewerbsbedingungen, Zertifizierung, Einhaltung von Vorschriften usw.) klar vom "Was" (sektorale Anwendungsfälle/Anwendungen) unterschieden wird. In diesem Fall ist nur die Anwendung sektorspezifisch und erfordert zusätzliche Umsetzungsrichtlinien und eine entsprechende Governance.

3. FOKUS AUF MARKTAKZEPTANZ, NICHT AUF TECHNOLOGIE

Ein entscheidender, aber oft unterschätzter Aspekt neuer Fortschritte ist die Kommunikation und Bewusstseinsbildung gegenüber den Endnutzern. Dies gilt insbesondere für die europäische Infrastruktur für Datensouveränität, da es sich hierbei um ein neues Konzept handelt, das sich in allen "B2G2C"-Diensten wie Business-to-Consumer (B2C), Business-to-Business (B2B), Business-to-Government (B2G), Government to Business (G2B) und Government to Consumer (G2C) manifestieren wird. Wir glauben, dass es mit dem richtigen Fokus auf Akzeptanz möglich ist, die europäische Bevölkerung und in der Folge die Weltbevölkerung über die Vorteile eines neuen, eigenverantwortlichen Umgangs mit Daten aufzuklären, so wie es in der Vergangenheit z.B. bei der Mobiltelefonie, beim Zahlungsverkehr und bei der Nachrichtenübermittlung geschehen ist.

LEICHT VERSTÄNDLICHES PARADIGMA AUF DER GRUNDLAGE EUROPÄISCHER WERTE

Basierend auf europäischen Werten und dem Konzept der Datensouveränität bietet die Europäische Datenstrategie die notwendige Orientierung, um die Vorteile einer besseren Datennutzung in der EU voll auszuschöpfen und eine florierende individuen-zentrierte Datenwirtschaft zu schaffen.

Wir glauben, dass die kürzeste und effektivste Intervention, um sicherzustellen, dass dies in der Praxis gelingt, darin besteht, die Datensouveränität im kommenden Jahrzehnt verbindlich vorzuschreiben. Es handelt sich dabei um ein leicht zu begreifendes Paradigma, das in wenigen Schritten eingeführt werden kann - es unterstützt die kurzfristige Umsetzung und Übernahme, lässt aber auch die Zeit, die für die Entwicklung des begleitenden zweckdienlichen Rechtsrahmens benötigt wird.

Das Ziel sollte darin bestehen, Unternehmen und Regierungen (und ihre IT-Anbieter) dazu zu bewegen, ihren Benutzern, Kunden und Bürgern Werkzeuge zur Verwaltung, gemeinsamen Nutzung und Verwertung ihrer Daten an die Hand zu geben. Dies sollte auch Möglichkeiten zur Monetisierung/Kompensation von Datenvorteilen beinhalten. Letztendlich wird dies die Umsetzung der Europäischen Datenstrategie beschleunigen und sicherstellen, dass die EU als eine durch Daten befähigte Gesellschaft zu einem führenden Vorbild wird.

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Dieser Blog ist eine Zusammenarbeit zwischen Jyrki Suokas (Sitra) und Mariane Ter Veen (INNOPAY). Im Original ist der Artikel in englischer Sprache erschienen.

Mariane ter Veen ist Director und verantwortet den Data Sharing Bereich bei der Beratungsfirma INNOPAY. Sie ist überzeugt, dass verlässlicher Datenaustausch der Schlüssel zur Erschließung neuer Geschäftsmodelle und zur Kostensenkung ist. Sie hilft Organisationen, die Chancen des Zeitalters der digitalen Transaktionen voll auszuschöpfen, indem sie eine offenere Perspektive vertritt, über Ökosysteme hinweg zusammenarbeitet und neue Werte schafft. Mariane verfügt über einen umfangreichen Erfahrungsschatz auf dem Gebiet des Datenaustauschs, sowohl in öffentlich-privaten Partnerschaften als auch bei der Unterstützung einzelner Organisationen, und leitete kürzlich die Entwicklung des Programms für den Datenaustausch in der Logistik iSHARE

Mariane Ter Veen

Jyrki Suokas arbeitet für das vom finnischen Innovationsfonds Sitra geförderte Datenökonomieprojekt IHAN, das auf die Entwicklung der wirtschaftlichen und technischen Bausteine für eine faire Datenökonomie abzielt. Als Verfechter einer fairen Datenökonomie ist Jyrki Suokas das Bindeglied zwischen dem IHAN-Projekt und dem Unternehmenssektor. Jyrki verfügt über ein Vierteljahrhundert Erfahrung nicht nur in der Anwendung von Technologie, sondern auch in der Erarbeitung von Geschäftsmodellen. Sein Branchenhintergrund liegt im Bankwesen, wobei sein Hauptaugenmerk auf der Rolle von Datenanalysen und digitalen Lösungen beim Aufbau neuer Geschäfts- und Betriebsmodelle liegt. Als Alumnus der Technischen Universität Helsinki hat er einen akademischen Hintergrund in Softwaretechnologie und Organisationspsychologie. Jyrkis Stärke liegt im Einsatz verschiedener Innovationen, was in der Praxis bedeutet, die einzelnen Punkte zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, das mehr als nur die Summe seiner Teile ist.

Jyrki Suokas
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